BJJ – Arte Suave oder: die weiche Kunst des Kämpfens

Brazilian Jiu Jitsu

Nur wenige Kampfsportarten haben die letzten Jahre weltweit so geprägt, wie das Brazilian Jiu Jitsu. Kein erfolgreicher MMA-Kämpfer kommt in den großen Ligen heute ohne ein Mindestmaß an Grappling bzw. BJJ-Fertigkeiten mehr aus. Doch was genau steckt hinter dem Bodenkampf? Wir haben uns etwas auf Spurensuche begeben und erzählen euch die Geschichte der „Arte Suave“ – der sanften Kunst, die die Kampfsportwelt zu Beginn der 90er revolutionierte.

Royce Gracie – „Die Idee des Jiu Jitsu ist, dass der kleine Mann den großen Mann besiegen kann.“

Der Name Gracie ist aufs Engste mit der Geschichte des Brazilian Jiu Jitsu verwoben. Bevor wir aber einen Blick auf die Ursprünge der Kampfkunst in Japan und Brasilien werfen, soll zuerst der Mann im Fokus stehen, der das BJJ erstmals einer breiten Weltöffentlichkeit präsentierte. Die Rede ist von Royce Gracie, dem sagenumwobenen Sieger von UFC 1.

Als die Mixed Martial Arts zu Beginn der 90er Jahre in den USA auf dem Vormarsch waren, bestieg mit Royce Gracie ein Mann den Käfig, der den übrigen Kämpfern körperlich meist weit unterlegen war. Mit 1.83m und 80kg gehörte Gracie zu einer Zeit, als es keine Gewichtsklassen gab, weder zu den größten, noch zu den schwersten Kämpfern. Und trotzdem sollte er es innerhalb weniger Jahre schaffen, seiner Kampfsportart zu weltweiter Berühmtheit zu verhelfen. Der Startschuss fiel am 12. November 1993. Gracie trat bei UFC 1 an, das damals noch im Turniermodus an einem Abend veranstaltet wurde. Dem Brasilianer gelang es, mit Art Jimmerson, Ken Shamrock und Gerard Gordeau alle drei Gegner zu submitten. Insgesamt stand er dabei keine fünf Minuten im Käfig.

Der Mythos des Bodenkampfs war geboren

Die Fähigkeiten, die Royce an diesem Abend mit in den Ring brachte und gegen die keiner seiner Gegner ein Gegenmittel fand, lassen sich einfach beschreiben: Takedown, Hebel und Würger, kurz gesagt – Bodenkampf.

Royce brachte seine Gegner schnellstmöglich auf den Boden, wo er seine Stärken ausspielen konnte und eindeutig überlegen war. Stück für Stück erarbeitete er sich seine Position, um seine Kontrahenten letztlich zur Aufgabe zu bringen. Seine Gegner, allesamt im Stand Up geschult aber ohne größere Kenntnisse im Bodenkampf, hatten keine Chance gegen die Aufgabegriffe des Brasilianers. Einmal auf dem Boden angekommen entwickelten sich ihre körperlichen Vorteile gegen den flexiblen Brasilianer zu Nachteilen. Schnell wurde klar, dass in der Welt der Mixed Martial Arts kein kompletter Kämpfer mehr ohne Fertigkeiten im Bodenkampf würde bestehen können.

Natürlich war Royce Gracie nicht der „Erfinder“ des Brazilian Jiu Jitsu, aber er war der erste Kämpfer, der die vermeintliche Überlegenheit dieses Systems in einem weitestgehend realistischen Kampf außerhalb Brasiliens zeigen konnte. Ein Mythos war geboren, von dem der Sport und die Familie Gracie heute noch zehrt.

Carlos und Helio Gracie – die Urväter des BJJ

Alles nahm seinen Anfang, als der Japaner Mitsuyo Maeda, einer der besten Judoka der Welt, 1914 Japan verließ, um der Welt die Kunst des Judos nahezubringen. Am 14. November 1914 erreichte er Brasilien, wo er mehrere Jahre lebte und ab 1917 auch Carlos Gracie unterrichtete. Dieser gab sein Wissen an seinen kleineren und körperlich schwächeren Bruder Helio weiter, der die Techniken so adaptierte, dass auch ein schwächerer Mann sie gegen einen stärkeren einsetzen konnte. Die Idee des BJJ war damit geboren. Durch die Verlagerung des Kampfes auf den Boden sollte der Stärkevorteil des Gegners weitestgehend egalisiert werden und der technisch bessere Mann fähig sein, seinen Kontrahenten durch Aufgabegriffe zu besiegen.

Berühmtheit erlangte die Familie der Gracie schließlich durch zahlreiche „Vale Tudo“-Kämpfe in Brasilien, wo Helio und seine Nachfahren mit ihrem „Gracie Jiu Jitsu“ getauften Kampfstil dominierten. Mit dem Aufkommen der Mixed Martial Arts bzw. No Holds Barred-Kämpfe in den USA und zur Jahrtausendwende in Japan erlebte das Brasilianische Jiu Jitsu dann seinen weltweiten Aufstieg.

Pride und der „Gracie-Train“

Berühmtheit erlange es, neben den frühen Auftritten von Royce in der UFC, vor allem durch die Auftritte der Gracie-Familie im Rahmen der japanischen Pride-Organisation. Um die Jahrtausendwende kämpften mehrere BJJler aus dem Gracie-Clan bei Pride, fuhren große Erfolge ein und lieferten sich epische Schlachten. Royce, Royler, Ryan, Rickson – sie alle kämpften unter dem Banner der damals größten „MMA“-Organisation der Welt. Bekannt wurden sie nicht zuletzt dadurch, dass ein Großteil der Familie den jeweils Kämpfenden zum Ring begleitete.

Nachdem die „alte Garde“ der Gracie abgetreten war, wurde es in den letzten Jahren etwas stiller um die Familie, während sich das Brazilian Jiu Jitsu stetig weiterentwickelte. Zwar gibt es weiterhin sehr starke BJJler aus dem Hause Gracie – man denke nur an Roger oder Kron –, die Dominanz früherer Tage erreicht die Familie heutzutage jedoch nicht mehr.

„The new Breed“ – Garcia, Buchecha, Galvao, Vieira, Cornelius und Co.

Während mit Roger Gracie ein Sprössling der Dynastie immer noch zu den besten BJJlern der Welt gehört, konnten sich in den letzten Jahren weitere Sportler in der Weltspitze etablieren. So wird der Brasilianer Marcelo Garcia von vielen heutzutage als einer der besten Grappler gesehen, der jemals an Wettkämpfen teilnahm. Trotz seiner im Vergleich zu anderen Kämpfern schmalen Statur gelang es ihm, ganz im Sinne des BJJs, stärkere und schwerere Gegner durch seine hervorragende Technik zu besiegen und mehrfach die wichtigsten Grapplingturniere der Welt zu gewinnen. Neben Garcia, der inzwischen nicht mehr aktiv kämpft, bestimmen Leute wie Andre Galvao, Markus „Buchecha“ Almeida, Rodolfo Vieira oder Keenan Cornelius – um nur Einige zu nennen – inzwischen das Geschehen. BJJ hat sich zu einem Sport entwickelt, der weltweit ausgeübt wird und der ein technisches Niveau erreicht hat, an das vor einigen Jahren noch nicht zu denken war.

Während ein Großteil der Sportler und Fans diese Entwicklung begrüßt, ist ein Teil der BJJ-Community mit der Richtung, in die diese Entwicklung geht, nicht einverstanden. BJJ sei inzwischen zu sehr Sport und zu wenig Realität, wird häufig bemängelt. Als Folge daraus haben sich in den letzten Monaten mehrere Organisationen gebildet, die das BJJ wieder zu seinem Ursprung zurückführen möchten und das Reglement auch auf Wettkämpfen weitestgehend einschränken wollen. Ob sich diese Entwicklung weg vom Punktesystem zurück zu den Submission Only-Turnieren letztlich durchsetzen wird, bleibt aber abzuwarten.

MMA ohne BJJ? Undenkbar!

Wenn man die Entwicklung der letzten 20 Jahre betrachtet, von den ersten Kämpfen eines Royce Gracie bis zu den modernen UFC-Events wird deutlich, dass das BJJ zu einem immanenten Bestandteil der Mixed Martial Arts geworden ist. Kein Kämpfer, egal wie gut er im Stand Up auch sein mag, wird mittel- oder gar langfristig Erfolg in den großen Ligen haben, wenn er nicht wenigstens über gute Defensivqualitäten auf dem Boden verfügt. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass Bodenkampf, egal ob BJJ, Grappling, Catch Wrestling oder Luta Livre inzwischen zum Standardrepertoire eines jeden aktiven MMAlers gehört.

Daneben ist BJJ in Teilen der weltweiten Community inzwischen mehr als ein reiner Sport. Es ist ein Lebensgefühl, dem immer mehr Sportler anheimfallen. Eine Entwicklung, die sich Carlos und Helio Gracie vor knapp hundert Jahren wohl nicht erträumt hätten.

Über den Autor

Eren ツ
Running, CrossFit, Martial Arts, Fitnessjunkie, Gin Lover & Digital Marketing Consultant. Germany, Turkey.

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