Graduierung im Kampfsport

Graduierung beim Kampfsport

Möchte man einen Kampfsport erlernen, entscheiden unterschiedliche Faktoren, mit welcher Disziplin man beginnt. Neben dem eigenen Interesse ist z.B. durchaus auch die Verfügbarkeit der jeweiligen Kampfsportarten in der näheren Umgebung von Interesse. Hat man sich also – warum auch immer – für eine Disziplin entschieden, geht es zum ersten Training ins Gym bzw. in die Kampfsportschule. Bereits am Namen wird deutlich, dass eine Verbindung zwischen Kampfsport und dem schulischen Bereich besteht, und dieser beschränkt sich keinesfalls nur auf die begriffliche Ebene.

Während wir in modernen Kampfsportarten wie Ringen, MMA oder Boxen keine klassischen „Gürtel“ machen, gibt es in den traditionellen, meist asiatischen Disziplinen ein Gürtelsystem, das die Fähigkeiten der verschiedenen Vereinsmitglieder dokumentieren soll. Überall, wo Menschen auf Grund ihrer Fähigkeit bewertet werden, stellt sich jedoch die Frage der Differenzierung. Wir bei Budodan haben uns diesbezüglich mal die Frage gestellt, wie man die Leistungen unterschiedlicher Schüler eigentlich richtig bewerten kann bzw. sollte.

Leistungsdifferenzierung oder gleiche Regeln für Alle?

Schon in den niedrigeren Gurten merkt man als Prüfer, dass es viele unterschiedliche Arten von Menschen gibt, die jeweils andere Talente mitbringen. Das große Problem, das sich hier stellt, soll anhand des folgenden Szenarios aufgezeigt werden: meist gibt es in den Kampfsportdisziplinen feste Regeln bzw. Verordnungen, was für das Erreichen eines bestimmten Grades geleistet werden muss. Der Schüler kommt also, spult das Programm – hoffentlich bestmöglich – ab und gibt alles. Letztlich schafft er alle Techniken zwar einigermaßen, wirklich überzeugen konnte er aber nicht, obwohl es bereits eine „Nachprüfung“ ist. Danach kommt Schüler zwei, der ebenfalls den selben Gurt erreichen will und legt eine Leistung hin, die meilenweit über der des ersten Schülers angesiedelt werden muss. Wie geht man nun als Prüfer mit diesen unterschiedlichen Leistungen um?

Um die Lage nicht noch komplizierter zu machen, als sie eh schon ist, unterscheiden wir jetzt mal nicht zwischen Erwachsenen und Kindern. Die große Frage, die bei beiden Gruppen aber gleich ist, ist folgende: bis zu welchem Grad ist ein Leistungsgefälle innerhalb einer Gurtklasse noch tolerierbar? Oder, anders gefragt: müssen Farbgurte wirklich alle ungefähr auf einem Niveau sein oder sind auch größere Unterschiede zu verkraften? An der Frage der Leistungsdifferenzierung beißen sich unsere Pädagogen seit Jahrzehnten die Zähne aus und sie stellt sich auch im Kampfsport. Gebe ich einem Schüler, der auf Grund seiner physischen oder psychischen Voraussetzungen die Prüfungstechniken immer nur mit Ach und Krach halbwegs sauber ausführt den nächsten Gurt? Oder muss er die selben Kriterien erfüllen, wie der beste Sportler des Gyms?

Eine schwere Entscheidung – auch aus wirtschaftlicher Sicht

Hier stehen Trainer vor einer – auch wirtschaftlich! – schweren, aber durchaus wichtigen Entscheidung. Einerseits will man nicht zu den im amerikanischen Raum als McDojo verschrienen Gyms gehören, bei denen man bereits nach einem Jahr den braunen oder schwarzen Gürtel vergibt und die eine Durchfallquote von nahezu 0% haben, andererseits sollten die Kriterien aber auch nicht so hoch sein, dass nur 10% der Schüler den nächst höheren Gürtel überhaupt bestehen. Denn wer keinen Erfolg sieht, hört früher oder später mit der Sportart auf. Und wer nicht mehr im Verein ist, zahlt keine Monatsbeiträge. Für Trainer, die den Job hauptberuflich ausführen, kann die Frage nach dem richtigen Umgang mit der Graduierung besonders bei Kindern schnell zu einer existenziellen Frage werden. Die Entscheidung muss also wohl überlegt sein.

Differenzierte Leistungsmessung als Schlüssel zum Erfolg?

Wer ein guter Kampfsporttrainer ist, ist gleichzeitig meist auch ein guter Pädagoge, kann Menschen motivieren und wird meist die richtigen Entscheidungen bereits „aus dem Bauch heraus“ treffen. Trotzdem erscheint die Frage der Bewertung durchaus problematisch und kann auch zu Unstimmigkeiten innerhalb des Gyms führen, denn fast alle Sportler mit ein wenig Ehrgeiz wollen eine Progression sehen. Und wenn sie – oder im Fall von Kindern ihre Eltern – sehen, dass sie den nächst höheren Rang nicht erreichen, obwohl ein vermeintlich Schwächerer das tut, kann das zu Unzufriedenheit und Problemen führen, bis hin zum Vereinsaustritt.

Als Lösungsansatz bietet es sich an, möglichst offen über die Bewertungsgrundsätze zu sprechen. Jedem Schüler sowie allen Eltern sollte klar sein, dass die Prüfung eine Kombination aus geforderten Techniken und der Überprüfung der eigenen Verbesserungen ist und daher nur bedingt mit denen der anderen Schüler verglichen werden kann. Dabei sollte man als Trainer aber stets mit Augenmaß handeln, die Diskrepanz zwischen Leistung und Erlangen des gewünschten Grads darf nicht zu groß sein. Denn wer einem schlechten Sportler den nächst höheren Grad verleiht, nur weil er vorher noch viel schlechter war, während er einem guten Sportler den Aufstieg verwehrt, weil dieser bereits auf einem hohen Level ist, hat den Ansatz missverstanden und tut sich und seinem Verein keinen Gefallen.

Wichtig ist vor allem eins: Fingerspitzengefühl

Differenzierung hin oder her, letztlich hängt es – wie so oft – meist vom Fingerspitzengefühl des Trainers ab, ob er seine Entscheidungen glaubhaft und transparent vermitteln kann oder ob es für Außenstehende so erscheint, als verteile er seine Gürtel nach Belieben. Wer von Anfang an mit offenen Karten spielt und klar macht, welche Leistungen erwartet werden und wie bewertet wird, sollte dann auch mit schwierigen Bewertungen weniger Probleme haben. Und das kann, vor allem bei hauptberuflicher Tätigkeit, über Gelingen und Scheitern des Projekts „Kampfsportgym“ entscheiden.

Über den Autor

Eren ツ
Running, CrossFit, Martial Arts, Fitnessjunkie, Gin Lover & Digital Marketing Consultant. Germany, Turkey.

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