Schmerz im Kampfsport – ist Abhärtung wirklich möglich?

Mit einigem Erstaunen werden die mittlerweile schon legendären Shaolin bewundert, die sich – zumindest für den einfachen Zuschauer – schier unendlichen Schmerzen aussetzen können. Wer selbst Kampfsportler ist und schon einmal mit seinem Schienbein gegen den Ellenbogen oder das Schienbein seines Gegners getreten hat, der weiß, wie schmerzhaft bereits relativ kraftlos ausgeführte Tritte sein können. Demnach gehören Abhärtung oder Abhärtungsübungen zum Kampfsporttraining ganz selbstverständlich dazu. Doch stellt sich die Frage, inwieweit Abhärtung überhaupt möglich ist. Oder anders gefragt: Wie lässt sich Schmerzimmunität erklären?

Warum ist Abhärtung im Kampfsport wichtig?

Für Kampfsportler spielt die persönliche Härte oder Unempfindlichkeit gegenüber Krafteinwirkung eine entscheidende Rolle – sowohl aus psychischer, als auch aus physischer Sicht.

Auf Schmerz reagiert jeder Mensch ganz natürlich mit Vermeidung. Im Kampf kann aus dem Wissen, dass einen Schmerzen erwarten, recht schnell Angst resultieren. Und Angst wird bei jeder Kampfsportart unweigerlich zu Verletzungen und Misserfolgen führen. Abhärtung des Geistes und der Psyche bedeutet für Kampfsportler, sich an Schmerz zu gewöhnen. Dies wiederum ist nur möglich, indem sich Schmerzmuster wiederholen. Dies kann sehr gut durch Training erreicht werden.

Natürlich bedarf es hierfür eines vertrauenswürdigen Trainingspartners, mit dem die Intensität des Abhärtungstrainings konkret abzusprechen ist. Vorsicht ist hierbei oberstes Gebot, auch um Verletzungen zu vermeiden. Im schlimmsten Fall kann der im Abhärtungstraining verursachte Schmerz genau das Gegenteil von dem bewirken, was er eigentlich soll, und geistige Blockaden hervorrufen oder Ängste schüren.

Typische und bekannte Abhärtungsübungen aus unterschiedlichen Kampfsportarten sind beispielsweise:

  • Schienbein-gegen-Schienbein-Tritte
  • Bruchtests
  • Schlag- und Trittübungen am Makiwara
  • Schlag- und Tritttechniken gegen die Deckung des Trainingspartners
  • Faustschläge oder Medizinballwurf in die Bauchregion des Trainingspartners

Erfahrungswerte zeigen, dass sich die Schmerzimmunisierung tatsächlich umsetzen lässt. Doch handelt es sich hierbei tatsächlich um eine physische Konditionierung oder basiert die geringere Schmerzsensibilität ausschließlich auf geistiger Willenskraft und Gewöhnung an Schmerzmuster?

Was ist Schmerz?

Im Kampfsport lassen sich physische Schmerzen auf äußerliche Krafteinwirkung zurückführen. Trifft eine Kraft beispielsweise durch einen Schlag oder einen Tritt auf eine Körperregion, werden die Schmerzsensoren der dort befindlichen Nervenzellen gereizt. Von hier aus wird ein elektrischer Impuls zum Rückenmark geleitet, wo chemische Botenstoffe den Schmerzimpuls über das zentrale Nervensystem ins Gehirn übertragen. Dieser Prozess findet innerhalb von Millisekunden statt. Dennoch empfinden wir Schmerz erst dann, wenn der Reiz auch im Gehirn angelangt ist.

Schmerz ist ein natürlicher Schutzmechanismus, der uns bei Schmerzempfinden zum Rückzug oder Abbruch einer Aktion veranlassen soll. Im Kampfsport wird sich diesem natürlichen Mechanismus bewusst entgegengestellt.

Wenn nun Schmerz aber ausschließlich im Gehirn entsteht, ließe dies den Schluss zu, dass körperliche Abhärtung, beispielsweise durch Muskelaufbau, die Schmerzsensibilität nicht beeinflusst. Wie ist es also möglich, dass Kampfsportler sich abhärten?

Die derzeitige wissenschaftliche Studienlage steht diesbezüglich noch immer vor einem großen Rätsel. Erste Hinweise, welche physischen Ursachen für die Schmerzkonditionierung es womöglich gibt, ergab eine Studie von Wissenschaftlern unter der Bezeichnung „Kampfsport dämpft das Schmerzempfinden“, die von der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes veröffentlicht wurde. Hierbei wurden die Hirnstrommessungen von Probanden (Kampfsportlern) hinsichtlich ihrer Schmerzreaktion untersucht. Neben der unbewussten Reaktion auf Schmerzreize mussten die Sportler auch auf Fragebögen angeben, wie sie die unterschiedlichen Schmerzreize subjektiv empfinden. Das Resultat: Erprobte Kampfsportler erscheinen gegenüber dem affektiven Schmerzempfinden weitaus weniger sensibel als untrainierte Menschen.

Schmerzimmunisierung entsteht im Gehirn

Das Besondere an der Untersuchung: Rein physisch gab es keine konkreten Hinweise, dass sich die gute Konstitution der Kampfsportler auf die geringe Schmerzsensibilität auswirke. Vielmehr lässt sich die zunehmende Immunisierung auf die Verarbeitung des Schmerzreizes im Gehirn zurückführen. Dabei handelt es sich insbesondere um die psychische Akzeptanz, mit denen Kampfsportler dem Schmerz entgegentreten. Schmerz ist für viele Kampfsportler nicht negativ behaftet, zwar empfinden sie ebenfalls Schmerzen, jedoch beeinträchtigt das Schmerzempfinden die Sportler in der Ausübung ihres Sports kaum, treibt ganz gegenteilig sogar teilweise zu besseren Leistungen an.

Eine Studie des Universitätsklinikums Münster kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Hier wurden 100 Kung-Fu-Kämpfer untersucht. Und es konnte sogar nachgewiesen werden, dass sich das Schmerzempfinden der Probanden auch in den Körperregionen verringert, welche nicht direkt durch Abhärtungstraining desensibilisiert werden, so beispielsweise im Gesicht. Wissenschaftler haben unterdessen die Theorie aufgestellt, dass Kampfsport Menschen mit chronischen Kopfschmerzen helfen könne, indem durch die bewusste Schmerzkonditionierung schmerzhemmende Systeme aktiviert würden.

Ist Abhärtung wirklich möglich? – ein Fazit

Auch wenn die konkreten biochemischen Prozesse, die im Gehirn stattfinden und zur Schmerzimmunisierung beitragen, noch nicht entschlüsselt sind, zeigen die aktuellen Studien, dass Abhärtung durch Kampfsport in der Tat möglich ist. Allerdings liegt es auch nahe, dass Abhärtung – auch wenn durch physische Krafteinwirkung initiiert – nur geistiger Natur sein kann. Physisches Abhärtungstraining ist und bleibt ein probates Mittel, um sich geistig auf die körperlichen Herausforderungen im Kampfsport vorzubereiten. Zudem wurde das Potential des Kampfsports verdeutlicht, auch auf Menschen mit chronischen Schmerzen positive Auswirkungen haben zu können.

Über den Autor

Eren ツ
Running, CrossFit, Martial Arts, Fitnessjunkie, Gin Lover & Digital Marketing Consultant. Germany, Turkey.

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